Samstag, 15. Oktober 2011


Wenn Angst Angst macht

Wie Panikgefühle sicher  überwunden werden können


Rund 6 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen. Ein gewißes Maß an Angst ist normal und schützt vor Gefahr, unkontrollierte Panikgefühle aber sind für die Betroffenen die Hölle. Zu den häufigsten Angststörungen gehören die Agoraphopie (Platzangst), die Sozialphobie (Angst vor anderen Menschen), die Höhenangst, die Klaustrophobie, die Angst vor Schlangen und Insekten und die Angst zu erröten. Mittlerweile gibt es diverse Methoden wie die Verhaltenstherapie, die progressive Relaxation oder die direkte Konfrontation mit der angstauslösenden Situation, um die Angst zu überwinden.

Frühkindliche Erfahrungen

Die Wurzeln für die späteren Ängste können in die Kindheit zurückreichen. Die amerikanische Psychoanalytikerin Jane Goldberg sieht den Geburtsvorgang und die Abnabelung von der Mutter nach der schützenden Welt des Uterus als Schock für das Kind an. Zum ersten Mal im Leben des Neugeborenen erlebt es Furcht und Grauen in einer für ihn fremden Umgebung. Nur im Mutterleib erfährt der werdende Mensch die totale Ruhe, Geborgenheit, Wärme und die permanente Nahrungszufuhr über die Nabelschnur wie niemals mehr im Leben. Von Ausnahmefällen, in denen die werdende Mutter trinkt, raucht oder Drogen nimmt, einmal abgesehen.

Die Geister der Vergangenheit besiegen

Als Kind erlebt jeder Mensch Trennungsängste, wenn Vater oder Mutter abwesend sind. Wenn diese Ängste nicht angemessen abgefangen werden, wird das künftige Leben von Furcht dominiert. Vor allem in Streßsituationen mit hohen emotionalen Belastungen wie beim Tod eines geliebten Menschen, einer Prüfung oder der Trennung einer nahestehenden Person tauchen diese Geister aus der Vergangenheit wieder auf der Bildfläche auf. Anerzogene Ängste hingegen wie vor Spinnen oder Schlangen können später wegtherapiert und ‘gelöscht’ werden. Dazu muß nicht unbedingt ein professioneller Therapeut zu Rate gezogen werden. Die kleine Nina erlebte, wie ein befreundetes Mädchen mit Schrecken und lautem Geschrei auf Spinnen reagierte. Nina eignete sich dieses Verhalten an und lief ihrerseits ebenfalls zur ihren Eltern, wenn sie eine Spinne sah. Ihr Vater hingegen gab den Tierchen hübsche Namen und sprach freundlich über sie. Er erreichte mit seinem gelassenen Verhalten, dass Ninas Ängste zurückgingen.

Konfrontation mit Schlangen und Co.

Bekannt sind Therapieformen, in denen Erwachsene mit einer bestimmten Situation oder dem Objekt ihrer Angst konfrontiert werden. Der Proband soll die automatisierten körperlichen Reaktionen wie beschleunigten Puls, Atemnot, Blutdruckanstieg und Anspannung der Muskulatur aushalten lernen. Die Steuerungsvorgänge steigen bis zu einem bestimmten Punkt an und von alleine wieder ab. Es bleibt ein Rest von Angst zurück. Der Patient lernt, dass nichts Schreckliches passiert. Nichts von dem, was er sich in seiner Phantasie vorgestellt hat. Bei noch nicht lange bestehenden Phobien kann die Habituation nur wenige Minuten dauern, bei über Jahre oder Jahrzehnte eingeschliffenen Phobien dauert es unter Umständen Stunden, bis die extremen Ängste abklingen. Es müssen mehrere Konfrontationen mit den gefürchteten Tieren oder Orten stattfinden, bis die Angst auf ein normales Maß reduziert wird. Diese Konfrontationen sollten auf jeden Fall unter Aufsicht eines erfahrenen Therapeuten stattfinden.

Totale Isolation

Angst ist nicht gleich Angst. Wer sich vor Ungeziefer oder anderem Getier fürchtet, ist nicht in demselben Maße belastet wie jemand, der unter einer Sozialphobie oder gar Panikattacken leidet. Die Tier sind - zumindest im Winter - weniger anzutreffen, wohingegen bei Agoraphobikern oder Menschen mit Sozialphobie die Lebensqualität stark eingeschränkt wird. Bei der Agoraphobie werden große Plätze, Menschenansammlungen, Brücken, das Fahren mit dem Bus, Zug oder Auto und das Schlange stehen zur Qual. Das Gefühl, in der Öffentlichkeit in Ohnmacht zu fallen und einen schlechten Eindruck zu hinterlassen, ist für solche Menschen unerträglich. Sie versuchen, diese Situationen zu vermeiden und ziehen sich immer mehr zurück.

Entspannung erlernen

Diese Angst kann sich so steigern, dass Agoraphobiker das Haus alleine gar nicht mehr alleine verlassen. Nur der Therapeut kann helfen, indem er mit dem Patienten Situationen durchspricht, ihn ermuntert, alleine einkaufen zu gehen. Sollte das nicht funktionieren, bietet sich die progressive Relaxation an. Es handelt sich um ein Muskelentspannungs-Training nach Edmund Jacobson, der sie als Physiologe 1929 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte. Das Originaltraining von Jacobson umfasst sehr viele Muskelgruppen und rund 30 Einzelübungen. Mittlerweile existieren auch Kurzprogramme, die es auch in Buchform mit Begleit- und Anleitungs-CD gibt.

Progressive Muskelentspannung hilft

Der Hintergrund für diese Entspannungsmethode ist folgende: Entspannung hemmt Angst. Weiter erlernt der Patient, dass er seine Gefühle kontrollieren kann. Auch bei der Sozialphobie eignen sich sowohl die progressive Relaxation als auch die Verhaltenstherapie sowie ein soziales Kompetenztraining. Menschen mit Sozialphobie bekommen Angst, wenn sie mit anderen Menschen zusammenkommen. Sie möchten nicht auffallen, denken, dass alle sie anstarren und andere ihr Erröten, Zittern, Schwitzen und heftiges Atmen bemerken könnten. Diese Patienten bewerten sich sehr negativ und haben hohe Ansprüche an andere. Sie sind ablehnend und kritisch. Da sich diese Menschen extrem zurückziehen, sollte unbedingt ein Therapeut herangezogen werden, um ihnen zu helfen.

Panikattacken vermeiden lernen

Phobiker haben nicht nur ihre speziellen Ängste, sondern auch ‘Angst vor der Angst’. Sie kann sich im schlimmsten Fall zur Panik verstärken, die in Attacken aus heiterem Himmel hereinbrechen. Innerhalb kürzester Zeit gerät dieser Mensch in Todesangst. Dieser Anfall klingt schnell wieder ab, sollte aber ernst genommen werden. Solche Panikattacken lösen bei den Patienten ein sogenanntes Schonverhalten aus. Sie vermeiden körperliche Anstrengung und Betätigung, was dazu führt, dass der Puls schon beim Treppensteigen rast. Neben der Therapie und der Muskelentspannung sollte der Therapeut mit dem Patienten auch gemeinsam Sport treiben. Ein Intervalltrainign, bei dem Herzklopfen, Schwitzen und schnelles Atmen normale körperliche Reaktionen sind, bietet sich an. Der Patient lernt, dass ihm Sport guttut und er ihn und die körperlichen Reaktionen darauf aushalten kann.
© Corinna S. Heyn


Internet: www.angstselbsthilfe.de
www.netdoctor.de
www.entspannungsverfahren.com

CD’s:

Literatur:
-Dietmar Ohm, Stressfrei durch Progressive Relaxation. Trias Relax CD, Stuttgart 2003.
-Dietmar Ohm, Progressive Relaxation für Kids. Nur kein Stress: Wie Du ganz easy durch jede uncoole Situation kommst. Trias CD, Stuttgart, 1999.